Gott und das Virus

Leitartikel von Andreas Losch

Die neuartige Variante SARS-CoV-2 des Coronavirus hält die Welt in Atem. Grenzen werden geschlossen, die Wirtschaft macht eine ungewisse Zwangspause. Der unsichtbare Feind überträgt sich leicht und vermehrt sich, bevor er beim Betroffenen zum Ausbruch kommt. Dies ermöglicht ihm eine schnelle Verbreitung und gefährdet insbesondere die Alten und Kranken unserer Gesellschaft. Noch nicht alle Menschen verstehen das Problem. Die Zahl der Infizierten verdoppelt sich alle 2-3 Tage, dieses exponentielle Wachstum können wir uns nur schlecht vorstellen. Die Zahl der Kranken und Todesfälle nimmt deutlich zu, ist aber heute erst in Entsprechung zum Stand der Infizierten vor durchaus mehreren Tagen. Den Gesundheitssystemen droht Überlastung*. Gegenmittel gibt es noch nicht, nur Testmöglichkeiten, aber zu wenige.

Evolutionär betrachtet ist der „Erfolg“ des Virus leider verständlich. Auch wenn es umstritten ist, ob Viren, die stets einen Wirt brauchen, selbst bereits Leben darstellen, so teilen sie Merkmale desselbigen: sie vermehren sich offensichtlich und zumindest in diesem Fall auf eine Weise, dass ihre Wirte in der Regel am Leben bleiben. Das ist nun zunächst nicht als „egoistisch“ oder anderweitig zu deuten, sondern gehört schlicht zu dem Mechanismus, der alles Leben auf Erden hervorgebracht hat. Das Wunder des Lebens und seiner Nutzniesser hat auch seine Schrecken für den Menschen, der ebenfalls aus diesen Bedingungen hervorgegangen ist.

Ist diese biologische Erklärung aber für uns ausreichend?
Es macht uns Menschen aus, dass wir nach dem Sinn der Dinge suchen, also die Welt auf uns bezogen deuten. Ein erster Reflex ist vielleicht die Frage nach dem Schuldigen. Die Suche nach einem Sündenbock ist alt, hilft aber nichts. Man kann auch sinnvollere Antworten suchen: Ist auf einer höheren Ebene das Geschehen vielleicht gut so? Was die Klimabewegung nur fordern konnte, schafft das Virus in kurzer Zeit: Flugzeuge bleiben am Boden, die Verschmutzung geht zurück, der Planet erholt sich. Der Planet wehrt sich?

Manche meinen auch, das Virus sei vielleicht eine Strafe Gottes, für was auch immer.
Dieses Gottesbild teile ich nicht und ich frage mich, was diejenigen, die es verbreiten, unter der Liebe Gottes verstehen. Ich denke, die schnelle Ausbreitung des Virus macht eher den sozial hochvernetzten Charakter der Menschheit in der heutigen Zeit sichtbar.

Man kann fragen: Hat Gott die Welt sich selbst überlassen? Auch das wäre allerdings ein merkwürdiger „Vater im Himmel“, der nur zuschaut, was am Ende dabei herauskommt.
Man kann sich nun fragen, was an dieser Natur eigentlich „sehr gut“ ist, wie die Bibel die Schöpfung beschreibt (1. Mose 1, 31). Natur und Schöpfung sind ja nicht dasselbe: Die Idee der Schöpfung ist eine Interpretation der Natur in einem besonderen Licht, nämlich aus der Perspektive des Glaubens.
Kann man sich aber in diesen Tagen wirklich vorstellen, Gott habe alles wohlgeordnet? Dann kommt man doch schnell auf den Gedanken einer Strafe Gottes, ob im religiösen Sinne oder im Rahmen eines naturalistischen Philosophierens vielleicht zu einer Art Rache des Planeten.

Die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens in der Welt, die sogenannte Theodizee, wurde insbesondere beim großen Erdbeben von Lissabon infrage gestellt. Als ich mit Naturwissenschaftlern gearbeitet habe, habe ich verstanden, dass Plattentektonik mitsamt ihrer Erdbeben notwendig sind, damit ein Planet überhaupt Leben beherbergen kann. Das wäre sozusagen eine Verteidigung der Naturgegebenheiten von einer größeren Perspektive her. Die Bedingungen des Lebens, könnte man dann sagen, die auch uns Menschen hervorgebracht haben, sind nun mal so, dass es auch Viren geben muss. Denken wir Menschen überhaupt zu selbstzentriert? Müssen wir die Gegebenheiten der Natur, zu der wir gehören, besser respektieren?

Ich denke, wir müssen schon selbst auf uns aufpassen. Und durchaus versuchen, die Natur zu unserem Besten zu kontrollieren, freilich im Bewusstsein unserer Verflochtenheit mit den Ökosystemen und der planetaren Grenzen.

Aus der Glaubensperspektive ist es die Besonderheit des Menschen, als Gottes Ebenbild geschaffen zu sein (1. Mose 1, 27). Dies bedeutet eine Verantwortung für diese Schöpfung, für die Mitmenschen und die natürlichen Ressourcen, denn wir können unser Tun offensichtlich reflektieren; das zeichnet uns aus und kennzeichnet gleichzeitig unsere Verantwortung. Für mich bedeutet dies nicht nur ein Verwalten der Gegebenheiten, sondern die Aufgabe einer aktiven Gestaltung der Welt. Ich lehne die technische Entwicklung an sich daher keinesfalls ab, sondern sehe sie als überlebenswichtig an, wenn sie richtig gesteuert wird. Seien wir froh, dass wir die Wissenschaft samt moderner Medizin haben, auch eine der Früchte der technischen Entwicklung.

Lange hat man den Menschen als Krone der Schöpfung betrachtet und dies unter anderem mit dem Schöpfungshymnus (1. Mose 1) begründet. Neuere Auslegung hat allerdings darauf hingewiesen, dass nicht der Mensch den Höhepunkt des Schöpfungswerkes darstellt, sondern der Ruhetag, der Sabbat. Trotzdem, „sehr gut“ wird die Schöpfung davor genannt, alles, was Gott geschaffen hatte. Es gibt eine alte Auslegung aus einem rabbinischen Midrasch zu 1. Mose 1, der provokativ sagt: „sehr gut“, was ist damit gemeint? Die Antwort lautet: der Tod.
Das wirkt anstößig. Ich habe die Auslegung so gelernt und verstanden, dass die Begrenzung unseres Lebens Raum für neues Leben schafft – wobei der Tod verstanden wird als solcher nach einem erfüllten Leben, also alt und lebenssatt zu sterben.

Nun ist das offensichtlich nicht immer so. Viele Menschen sterben viel zu früh. Zumindest in christlicher Perspektive hat der Tod daher nicht das letzte Wort, und das Seufzen der Geschöpfe (Römer 8) ist ein Hinweis darauf, dass Gott gemäß dem Symbol der Auferstehung längst an dem Hervorbringen einer neuen Schöpfung wirkt. Ich glaube auch, Gott schaut uns nicht nur zu, sondern ist im Leid mit dabei und leidet an unserer Seite an den Schattenseiten dieser Welt.

Das aber eröffnet neue Fragen, im Sinne von „Warum hat Gott es nicht gleich besser gemacht“? Die einzige Antwort, die mir dazu einfällt ist, dass die Erfahrungen die wir machen und die uns ausmachen in diesem Leben, in jenem Leben zum Guten verwandelt eine Rolle spielen. Das Gott unsere schlechten Seiten vergibt und liebevoll verwandelt, unsere guten Seiten erinnern und uns mit neuem Leben ausstatten wird.

Wir haben die Wahl, wie wir eines Tages erinnert werden: Hier und jetzt können wir auch die Erfahrung von Abstand haltendem Respekt und bewusster Nächstenliebe und -hilfe machen. Hoffentlich beides zugleich. Zum Beispiel für Nachbarn Einkäufe erledigen und vor die Tür legen, die sie nicht mehr selber machen sollten. Mit aller gebotenen Vorsicht.

Die Ruhe ist der Zielpunkt der Schöpfung. Fakt ist: Wir haben nun eine Atempause gewonnen, um über unser Treiben auf diesem Planeten nachzudenken. Nutzen wir sie.

Andreas Losch

*Veröffentlicht im März 2020

 

Bildnachweis

God creator creating the world, graphic collage from engraving of Nazareene School, published in The Holy Bible, St.Vojtech Publishing, Trnava, Slovakia, 1937 von fluenta  © Adobe Stock #142394690

Nightly planet Earth in dark outer space. Civilization. Elements of this image furnished by NASA von dimazel   © Adobe Stock #302537669

Diskussion zu "Gott und das Virus"

Was müssen wir jetzt beachten? Und wie können wir die Lage deuten?

Es waren in mehreren Fällen auch gottesdienstliche Versammlungen, die das Coronavirus verbreitet haben. Soziales Verhalten wird plötzlich asozial, wenn man es nicht ändert. Wie können wir mit dieser Situation umgehen? Was heisst das für den Glauben?

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